Prothese Magazin #2 | Wiederholung


Editorial

Nichts scheint sich je zu ändern. Die Welt ist im „rasenden Stillstand“ gefangen. Dass der Weltuntergang leichter vorstellbar sei als das Ende des Kapitalismus, ist längst zu einem Klischee geworden: Selbst die Kritik an der ewigen Wiederkehr des Gleichen scheint sich nicht zu wandeln.

Gleichzeitig gibt es Ereignisse. Krisen brechen die hyperreale Sphäre alternativloser Redundanzen auf. Naturkatastrophen, Kriege und Anschläge sind solche Krisen. Ebenso wie die Flüchtlingsboote, die auf hoher See kentern und deren Passagiere vor dem Ertrinken nicht gerettet werden können. Es sind Ereignisse, die die ritualisierte Zeit des Alltags zerschneiden in ein Davor und ein Danach: ein Schnitt, der als offene Wunde im politischen Bewusstsein zu Änderungen zwingt, ein Bruch, der aus amorpher Zeit differenzierbare Geschichte macht.

Damit ist nicht fertig zu werden. Den normativen Impulsen, die von diesen Ereignissen ausgehen, begegnet man mit großer Hilflosigkeit. Geschichte ist zum Schicksal geworden, dem die Gesellschaften ausgeliefert sind.

Das politische System ist in seiner Symbiose mit dem bürokratischen Apparat diesem immer ähnlicher geworden und schließlich darin aufgegangen. Politik ist heute nicht mehr die Kunst des Möglichen und auch keine kollektive Aktion, schon gar nicht die Unterscheidung in Freund und Feind. Politik ist heute die Verwaltung der Simulationen menschlicher Sicherheit. Was daran dann noch politisch in einem emphatischen Sinne ist, das ist schale Phrase, das ist Lüge ohne die Behauptung von Wahrheit.

So ist man auf sich allein gestellt und beobachtet von der hilflosen Privatheit aus das Geschehen. Von der Privatheit aus scheint die Welt sehr weit entfernt zu sein. Das Weltgeschehen ist für den Einzelnen kaum mehr adressierbar. Und so bleibt es dann bei Alltäglichkeit und bei Redundanz, auch wenn sie sich angesichts des schälenden Weltenbrandes zynisch anfühlen. Dieses Paradox der Gleichzeitigkeit von Ereignis und Routine stellt die Frage nach dem Gleichen und dem Anderen, eben die Frage nach der Wiederholung, der Wiederholbarkeit und auch nach dem Nicht-mehr-Wiederholbaren.

In der zweiten Ausgabe der Prothese versammeln wir Arbeiten, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven an Phänomenen und Konzeptionen der Wiederholung versuchen.

Wir danken besonders Frau Prof. Michaela Ott für Ihren Gastbeitrag Wiederholung als philosophische und künstlerische Differenzbildung