Über die Selbstpositionierung

In nicht unbedeutenden Teilen der Sozialforschung, insbesondere in der qualitativen Sozialforschung, gibt es seit einigen Jahrzehnten die Konvention vor einem Forschungsvorhaben eine sogenannte „Selbstpositionierung“ zu schreiben. Hier soll der Forscher seine eigene, vor allem persönliche Perspektive auf das zu Erforschende durchsichtig machen und reflektieren. Das ist freilich ein wissenschaftliches Anliegen. Der Forschungsbericht soll die Forschung nachvollziehbar machen, und die vorausgesetzte Perspektive der Forschung selbst ist offenbar ein integraler Bestandteil dieses Anliegens. Aber das gewählte Mittel der persönlichen Selbstreflektion ist doch befremdlich, und die Selbstverständlichkeit, mit der es von Forschern eingefordert wird, löst bei mir ein Unbehagen aus. Denn ist es nicht so, dass dieses Vorgehen die Rolle der Theorie stillschweigend mit der Person des Forschers auswechselt, vielleicht verwechselt? 

 

Jeder Begriff von Wahrheit beruht grundsätzlich auf der Idee der Wiederholbarkeit. Offenkundig ist das bei dem Kriterium der Reproduzierbarkeit, das verlangt, dass erhobene Daten auch ein zweites Mal erhoben werden können. Es soll garantiert werden, dass die Wahrheit einen Status erhält, der sie zumindest relativ aus ihrem je spezifischen zeitlichen oder räumlichen Kontext herauslösen lässt. Es ist das Kriterium der Verallgemeinerbarkeit. Wahrheit gilt allgemein. Reproduzierbarkeit ist vor allem in den Praxen des empirischen und erklärenden Forschens und Schreibens ein zentrales Wahrheitskriterium. Aber die Vorstellung der Wiederholbarkeit ist ebenfalls das Wahrheitskriterium der theoretischen und verstehenden Arbeit. So ist etwa die Wissenschaft der Logik der Versuch, eine Metasprache zu finden, die jeder Argumentation eine zwingende Struktur geben kann. Und eine zwingende Struktur der Argumentation bedeutet nichts anderes als die Wiederholbarkeit durch jeden Argumentierenden. 

 

Wenn jede Kommunikation von Wahrheit grundsätzlich wiederholbar ist, dann kann es kein Subjekt geben, dass souverän über den Gehalt der Kommunikation verfügt. Wiederholbar heißt jenseits des Subjekts wiederholbar, jenseits von „ursprünglichen“ Intentionen und Konnotationen zitierbar. „Wahrheit sprechen“ heißt, strukturell die notwendige Möglichkeit der eigenen Abwesenheit vorauszusetzen. Wahrheit und Autorschaft stehen somit und insofern in einem widersprüchlichen Verhältnis zueinander. Autorschaft pocht auf die Möglichkeit des „Machtwortes“ des Souveräns der Bedeutung, während die Wahrheit strukturell auf der Spaltung des Subjekts der Aussage von dem Subjekt des Aussagens basiert. Das Ideal der kritischen Aufklärung kann nur verfolgt werden als Vorstellung einer Wahrheit, die für sich selbst spricht. 

Nun ist diese Argumentation natürlich kritikwürdig. Zunächst hat das Prinzip der Autorschaft im faktisch bestehenden Betrieb der Wissenschaft eine zentrale Funktion. Trotz aller a-persönlichen Kriterien wissenschaftlicher Prozesse bleibt der Autor persistent: jede Zitation nennt ihren Autor, umso genauer, desto wissenschaftlicher. Zweitens scheinen die aufklärerischen Ideale einer Wahrheit jenseits ihrer Erscheinungen und einer Wahrheit, die durch die Avatare der Wissenschaftler sich selbst ausdrückt, gerade aus wissenschaftlicher Perspektive selbst zweifelhaft. Ob aus solchen Aporien der Aufklärung über die Aufklärung die Notwendigkeit spricht, das forschende und schreibende Subjekt in die Forschung tiefer einzuschreiben, indem man es zur simultanen Selbstbeforschung verpflichtet, ist damit aber noch nicht gesagt. Man könnte auch sagen, dass in diesem Moment der Aporie das Potenzial der Wissenschaft zur Selbstparadoxierung offenbar wird und, dass dieses Potenzial das Movens der Autopoiesis der Wissenschaft als System ist. 

 

Die Selbstpositionierung verpflichtet das forschende Subjekt über sich Rechenschaft abzulegen. Die Kritik und der Anschluss späterer wissenschaftlicher Arbeit könnte dadurch erleichtert werden. Es ließe sich also argumentieren, dass die Selbstpositionierung die autopoietische Dynamik der Wissenschaft erleichtert und daher beschleunigt, also dem „wissenschaftlichen Fortschritt“ zuträglich ist. Dabei ist dann die Selbstpositionierung der Ort der Reflexion über die Voraussetzungen der wissenschaftlichen Ratio. Was dabei zumeist nicht reflektiert wird, ist die Struktur der Reflexion selbst. Auch hier bleibt die „Metasprache“ unmöglich. Jede Kommunikation impliziert eine Metasprache, die aber selbst nie gesprochen wird. Es ist also ersichtlich, dass die Forderung nach einer Reflexion der Voraussetzungen in einen infiniten Regress führen muss. 

 

Allerdings: es ist nicht gefordert, dass alle Voraussetzungen reflektiert werden. Es ist gefordert, dass bestimmte Voraussetzungen reflektiert werden: jene Voraussetzungen, die sich in der Person des Forschenden Subjekts versammeln. Es ist nach dem Selbst gefragt. Was also ist die Reflexion des Selbst, was ist die Struktur der Reflexion, die Struktur des Selbst? 

Die Reflexion verdoppelt. Etwas ist und wird reflektiert. Es wird zurückgeworfen. Insofern sind Selbst und Reflexion eng miteinander verbunden. Im Selbst bezeichne ich mich selbst. Dabei gilt es aber zu bedenken, dass das Selbst nicht möglich wäre, wenn es unmittelbar mit dem Selbst zusammenfallen würde. Das Ich bleibt für das Ich unerreichbar. Vor diesem Hintergrund hat das Selbst auch eine illusorische Dimension. Der Spiegel reflektiert nur, insofern er verkehrt. Und was genau fungiert wie als Spiegel in der Selbstpositionierung? 

 

Für die Soziologie stellt sich das Problem des Selbst des Forschers in zweierlei Hinsicht. Der soziologische Forscher ist immer auch Teil seines Gegenstandes. Es ließe sich leicht eine Wissenschaftstheorie erdenken, in der das für jede Wissenschaft gilt. Aber die Soziologie braucht auf eine solche Wissenschaftstheorie nicht zu warten. Für sie gilt vielmehr, dass es sehr schwer ist sich eine Soziologie zu erdenken, in der die Forschung als ein Phänomen gilt, das der Gesellschaft äußerlich ist. Die Soziologie sieht sich also in einer Situation, in der sich das Problem der Unschärferelation paradigmatisch verschärft stellt. Andererseits muss die Soziologie jede Vorstellung des Subjekts zurückweisen, insofern das Subjekt durch das Selbst definiert wird. Die Soziologie kann das Selbst nur als einen Effekt sozialer Dissemination denken, weil es kein Subjekt als selbstidentisch voraussetzen kann. Insofern gibt es kein soziologisches Konzept eines identischen Subjekts per se. Alles, was im Kontext der Soziologie Subjekt genannt werden kann, franzt aus und verliert im Verlauf der soziologischen Beobachtung seine Konturen. Für die Soziologie ist also klar, dass der Forscher das Feld verändert, so wie es für sie unklar bleibt, wer der Forscher „ist“. Vielleicht gibt es in der Gesellschaft gar keine Menschen, vielleicht nur Rollen, Signifikationen, Kommunikationen, nur Verhältnisse oder Diskurse. Vielleicht ist die Person des Forschers wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand, im Verschwinden begriffen. 

 

Ob die Soziologie eine Wissenschaft vom Menschen ist, ist eine Frage, die bisher nicht beantwortbar ist. Aber sie wurde oft verneint. Es gibt allerdings unzweifelhaft soziologische Begriffe des Menschen und Begriffe der Person. Es gibt die Biographieforschung, es gibt die Milieuforschung, es gibt etliche Rollentheorien. Es wäre sicherlich möglich, diesem soziologischen Bestand Kriterien zur Selbstrechenschaftsablegung zu entnehmen: Eine Biographieforschung des jemeinigen Selbst, eine Milieuforschung, eine Erhellung der Rolle des Forschers. Aber solche Überlegungen müssten selbst auch eine Perspektive einnehmen, die ihrerseits auch kontingent ist. Jede Beobachtung zweiter Ordnung ist eine Beobachtung erster Ordnung. Auch die Selbstbeobachtung hat einen blinden Fleck. Es gilt vielleicht zu vermuten, dass sich am Subjekt stets etwas findet, dass sich der Kommunikation entzieht. Was sind die Kriterien einer gelungenen Selbstpositionierung, und von welcher Position aus werden sie festgelegt? 

 

Schließlich muss eine Selbstpositionierung auch gelesen werden. Was ist der Anteil des Lesers an der Selbstpositionierung, der versteht und der vorsteht als eine Selektion vor dem Horizont anderer Möglichkeiten zu verstehen? Wenn die Selbstpositionierung auf das Selbst des Autors reduziert wird, dann muss man sie sich vorstellen als eine selbstidentische Botschaft, die versandt wird und ankommt und sich dabei nicht transformiert. Dies ist eine Vorstellung, die durch die Sozialtheorie der Kommunikation und durch die Sprachphilosophie als diskreditiert gelten muss. Auch der Leser ist an der Konstruktion der Bedeutung in der Kommunikation beteiligt, lesen ist konstruktiv. Autor und Leser ist eine Opposition, deren Dekonstruktion sehr leichtfällt. Wäre dies nicht so, gäbe es keine Hermeneutik. Gibt es eine Hermeneutik des Selbst, gibt es eine Hermeneutik des anderen Selbst? Wie würden diese Hermeneutiken begründet sein, wie könnten sie parallel bedient werden und simultan aktualisiert werden? All dies sind Fragen der Theorie und nicht der Biographie.

 

Simon Gumprecht

Die Plage der Politischen Philosophie


Gibt es überhaupt etwas zu sagen? Die internationalen Superstars der Philosophie, die sich in der sogenannten Öffentlichkeit zu Wort melden, haben sich vor allem mit wahlweise Banalitäten oder Absurditäten lächerlich gemacht. Man wird sich an Agamben erinnern, der die gegenwärtige Covid-19 Pandemie mit der gewöhnlichen Grippe verglich, und die staatlichen Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung als thanatische Mobilisierung der Toten diskreditierte. Es wird sich zeigen, unter welchen Bedingungen der implizite Anarchismus in den Konzepten der „Biopolitik“ die „Corona-Krise“ überleben wird. Vielleicht war er schon unter ihren Opfern. Agambens Einsatz für den Anarchismus unmittelbar bevor mangelndes Staatshandeln tausenden Menschen das Leben kostete, muss jedenfalls in der Retrospektive als absurd gelten. 

 

Andererseits lässt sich nicht sagen, was von dem Virus als politisches Ereignis bleibt. Žižek befürchtet einen ausbrechenden Autoritarismus, eine neue Barbarei, die gerade darum so gefährlich werden könnte, weil sie doch zum Schutz ihrer Schutzbefohlenen besteht. Möglich ist das vielleicht. Aber möglich ist vieles. Sicher ist hingegen, dass sich die politischen Institutionen wandeln werden, dass die Erfahrung eines „durchregierenden“ Staates das liberale Paradigma unserer Zeit nicht unbeschädigt lassen wird.  Žižeks Mahnung, die Zeit nach dem Liberalismus schon heute zu bedenken, wirkt angesichts der Krise, die längst zu Illiberalität zwingt, jedenfalls banal. 

 

Die Frage, ob es überhaupt etwas zu sagen gibt, bleibt damit unbeantwortet. Die Pandemie scheint zunächst die politische Philosophie zur Wiederholung zu drängen. Denn wer mit den Zeitdiagnosen der beiden Autoren vertraut ist, muss vor allem überrascht sein, wie wenig überraschend die Wortmeldungen sind. Agamben behauptet den Ausnahmezustand als Normalität, insofern er die biopolitische Autorität legitimiert, durch die der Staat schon seit Jahrhunderten seine Macht ausübt. Die gegenwärtige Pandemie wäre insofern keine Krise, sondern bloß eine Variante der gewöhnlichen Machtausübung. Er weicht nicht von seinen mittlerweile klassisch gewordenen Thesen aus seinen „Homo sacer“-Bänden ab. Und auch Žižek warnte vor der Rückkehr des durch den Liberalismus Verdrängten schon seit über einem Jahrzehnt: Ökologische Externalitäten würden zu einem Wiederaufkommen von illiberaler Autorität führen, wenn eben diese nicht schon heute politisch oder diskursiv konfrontiert würden. Sein mantraartiges Beispiel für den neuen Autoritarismus, der sich schon heute ausbreite, war dabei stets ausgerechnet China. 

 

Was sich jetzt zumindest schon sagen lässt ist, dass die Eule der Minerva erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug beginnt. Die internationalen „Public Intellectuals“ hätten wohl besser daran getan abzuwarten. Die wirtschaftlichen Folgen der Covid-19 Krise lassen sich noch nicht abschätzen. Ebenso wenig die institutionellen, die kulturellen und so fort. Auch die Rückkehr zur Normalität ohne Restriktionen wird sich als eine enorme politische Aufgabe darstellen, bei der jede Entscheidung in Legitimationszwang geraten wird. Die Frage, ob die Philosophie dann etwas zu sagen hat, wird sich zu diesem Zeitpunkt erneut stellen. Und sie wird sich wieder bloß im Vollzug selbst beantworten. 

 

Simon Gumprecht

Zur Berechenbarkeit der Zukunft


Der gläserne Mensch. Es ist soweit, der Algorithmus weiß mehr als du. Unser Alltag wird durchsichtig und vorhersagbar. Jedes Smartphone ist ein unermesslicher Datenschatz. Auf der Grundlage unseres täglichen Verhaltens kann statistisch unser zukünftiges Verhalten vorhergesagt werden. Beispiele finden sich überall. Nur, wenn es um Gefühle geht, können die Daten uns Menschen nicht beschreiben. Gefühle sind unberechenbar. Denkst du – bis Parship dir die Liebe deines Lebens vermittelt. 

Auch in der Medizin ist der Durchbruch nicht mehr weit. Wir werden das Gehirn in seiner Gesamtheit verstehen, wie eine logische Schaltung. Es liegt so nah: Synapse an, Synapse aus – eins und null. Die Datenströme des Gehirns liegen blank. Und wenn das Gehirn erst verstanden wurde, ist dann nicht eine generelle Aussage über unser Verhalten möglich? 

Berechnung und Approximation. Der Schein täuscht. Wenn wir davon sprechen etwas zu berechnen, ist dies selten der Fall. Eine exakte analytische Lösung eines mathematischen Problems ist der Exot unter den Lösungen. Viel öfter lässt sich die gemeine Näherung antreffen. Stets wird die kontinuierliche Realität in ein diskretes Modell überführt. Das Modell ist weder richtig noch falsch, es ist mehr oder weniger geeignet und wird der gewünschten Genauigkeit angepasst. Zum Beispiel werden oft Annahmen getroffen, die den komplexen Sachverhalt vereinfachen, ohne dass die Grundaussage verloren geht. Wenn bereits das Modell vereinfacht ist, kann die Lösung nicht mehr exakt sein. Die Berechnung auf zwölf Kommastellen suggeriert jedoch sehr hohe Genauigkeit, es scheint exakt. Die gefühlte Wahrheit verbirgt sich in den Zahlen des Modells, nicht in der Realität. 

Nichtlinearität. Ein gutes Beispiel für eine schwierige Modellbildung stellt ein Doppelpendel dar. Ein Doppelpendel besteht aus zwei gelenkig miteinander verknüpften Stangen, die an einem Ende fest gelagert sind. Dieses System besitzt zwei Freiheitsgrade: Die Auslenkung des Winkels zwischen der ersten Stange und des Lagers und die Auslenkung des Winkels zwischen der zweiten und der ersten Stange. Mathematisch wird die Bewegung des Doppelpendels durch zwei miteinander gekoppelte nichtlineare Differenzialgleichungen beschrieben, die sich analytisch nicht lösen lassen. Der Grund dafür ist die Nichtlinearität. Es können Annahmen getroffen werden, die das Lösen vereinfachen. Wenn die Auslenkungen des Pendels sehr gering sind, kann eine Linearisierung um die Ruhelage vorgenommen werden. Dabei werden die trigonometrischen Funktionen durch eine Taylorreihe ersten Grades angenähert. 

Für größere Auslenkungen ist diese Approximation nicht zulässig und eine Lösung muss mithilfe einer numerischen Berechnung gefunden werden. Wenn wir bei der Vorhersage der chaotischen Bewegung des Doppelpendels an die Grenzen des Möglichen stoßen, wie wollen wir die Gehirnströme simulieren? 

Schmetterlinge. Um ein Problem mit Hilfe eines Computers zu lösen, wird es numerisch implementiert. Die Skalare und Vektoren haben alle eine endliche Länge – irgendwann wird die letzte Ziffer abgeschnitten. Wie die Genauigkeit unter der Vereinfachung leidet, kann nicht nur beim Doppelpendel, sondern auch bei der Wettervorhersage betrachtet werden. Kleinste Druckunterschiede über dem Amazonas führen nach Tagen zu absolut unterschiedlichen Wettervorhersagen in Europa. Ein englisches Sprichwort bringt es auf den Punkt: Climate is what we expect, weahter is what we get. Minimalste Schwankungen in den Anfangsbedingungen führen zu unterschiedlichen Aussagen. Dieses Phänomen nennt sich deterministisches Chaos. Es regnet nie, wenn der Regenschirm eingepackt wurde. Mangel an Berechenbarkeit. Unsere Methoden und Modelle werden immer feiner und die Rechenleistung unserer Computer steigt. Das bedeutet, dass auch unsere Voraussagen zutreffender werden. Bei dem aktuellen Zuwachs an Wissen beschleicht einen das Gefühl, die Zukunft exakt bestimmen zu können. 

Diese Entwicklung ist gewollt, sie wird uns durch unsere Sprache vermittelt: Im Portugiesischen werden zukünftige Handlungen mit dem Konjunktiv ausgedrückt. Die Zukunft ist ungewiss. Im Deutschen wird über die Zukunft im Präsens gesprochen – wann treffen wir uns? Nach der Logik der Sprache müssten wir die Zukunft kennen. In der deutschen Sprache versuchen wir Unsicherheit zu vermeiden. Wie sehen wir die Zukunft? Findet die Gegenwart schlicht morgen statt, oder ist das Unpräzise womöglich korrekter? Demnach teilt sich das Problem der Vorhersagbarkeit in zwei Bereiche auf: Können und Wollen. Das Können besteht darin, inwieweit wir technisch und mathematisch in der Lage sind die Zukunft vorherzusagen. Die bereits beschriebenen Phänomene, und es könnten noch wesentlich mehr sein, haben eine klare Aussage. Die Approximation verliert Genauigkeit, die in den Anfangsbedingungen vieler Problemstellungen absolut entscheidend ist. Die Technik kann Überraschungen nicht ausschließen. 

Der Wille etwas vorherzusagen ist groß: Wetter, Naturkatastrophen, die Wirkung von Medikamenten, die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, die Wahrscheinlichkeit, daran zu sterben, die Reaktion meines Gegenübers und seine Gedanken sind nur einige Beispiele unserer Wissbegier. Wir dürfen nur nicht vergessen, dass Vorhersagen immer Unsicherheiten enthalten. Die Zukunft passiert nicht morgen, sie könnte morgen passieren. 

 

Tim Burschyk

 

Dieser Artikel erschien 2016 in der Ausgabe #1 zum Thema Mangel. 

entre – 'zwischen'

Das Stück entre 'zwischen' von Catalina Rueda erscheint in der Prothese #2 und ist auf S. 90 – 95 abgedruckt. 

Dialektik des Reisens

 

Auf die Frage, weshalb er niemals gereist sei, hatte mein Großvater einmal geantwortet: „Wozu? Das kann ich mir doch im Fernsehen angucken.“

 

Es ist wieder Feriensaison und abertausende Deutsche drängen in die entferntesten Länder: uniformierte Trackingarmeen überwinden Breitengrad um Breitengrad in überfüllten Flugzeugen der billigsten Airlines. Sie folgen in Mengen den Ratschlägen ihres Lonely Planets zu den westlichsten Unterkünften, gehen in die Restaurants mit der besten Tripadvisor-Bewertung und schleppen sich in die entlegensten Orten auf der Suche nach fremden und exotischen Erlebnissen, auf der Suche nach alten Kulturen, nach Ruhe und friedlicher Natur. Und was sie dort finden ist wie jedes Jahr das genaue Gegenteil: Sonnenverbrannte Menschenmassen bewaffnet mit Lonely Planets und Smartphones, die sich in den immer gleichen Hotels, Restaurants und Örtlichkeiten tummeln. Der ganz „eigene“ Trip entpuppt sich als reproduzierbare Abfertigung.

Der gesuchte Frieden ist längst in ein anderes Land, eine andere Gegend weitergezogen. Hinzu kommt, je besser ein Reiseland erschlossen ist, desto besser lässt es sich darin reisen und fortbewegen, doch desto weniger gibt es dort meist auch Fremdes und Exotisches zu sehen. Und als wäre diese alljährliche Farce nicht schon genug: um sie zu bereisen muss man sie zerstören, die Welt: Die Flugzeuge saugen Kerosin in ihre Triebwerke während wir an dem Tomatensaft nippen.

 

Ja, man hasst sie, die Touristen. Und ist doch selbst einer. Man sucht das Unberührte und kann es nur finden, indem man es berührt. Und ganz unbemerkt wird der auf der Couch sitzende, in Ruhe und Frieden schauende Mensch zu einer aussterbenden, exotischen Art. Für diese Erkenntnis musste ich ans andere Ende der Welt reisen.

 

Art W. Krüger

PartitaTROPE

Das Stück Partita TROPE von Tristan Xavier Köster erscheint in der Prothese #2 und ist auf S. 96 – 101 abgedruckt. 

Das Ende der Welt

Apokalypse-Stimmung wohin man sich wendet. Nur mein REWE um die Ecke ist noch „jeden Tag ein bisschen besser“. Jede Woche aufs Neue wird uns das Ende der Welt prophezeit: Das u.s.-amerikanische Zeitalter sei mit Trump vorbei, die EU sei mit dem Brexit Geschichte, der Klimawandel werde unsere Welt zerstören. 

Der Narzissmus, der darin enthalten ist, die heimliche Freude, schreit uns in den Medien an: Sie sagen uns, was wir wissen wollen: Wir seien die letzten (noch?) glücklichen Menschen. Weltuntergangsfilme waren schon immer hoch im Kurs. Heute gibt es sie überall umsonst.

 

„Where everything is bad

it must be good

to know the worst“

- Francis Herbert Bradley (30 January 1846 - 18 September 1924) 

 

Natürlich ist das nicht wahr. In der Empörung über einen Zustand wohnt schon der Wille zur Veränderung inne. In der Empörung liegt schon die Wende, liegt schon der veränderte Zustand, fehlt schon der Grund zur Empörung. Doch viel zu schön ist die Weltangst. Viel zu gemütlich die Vorstellung, man würde nach seinem Tod sowieso nichts Gutes verpassen: „Mit mir endet die Welt“.  

 

In Wahrheit endet mit mir nur meine Welt. Wann kommt sie denn völlig an, die Krise? „Niemals!“ ist die Antwort von Ulrich Beck (er Ruhe in Frieden) und damit hat er hoffentlich Recht. Die Krise wird antizipiert, damit sie nicht eintritt. 

 

Natürlich passiert Schreckliches, natürlich ist immer Schreckliches passiert. Was wären wir ohne Schreckliches? Arme Wesen ohne Aufgaben! Der Planet dreht sich weiter und der nächste Präsident kommt. Nur eines kommt nicht: Die Apokalypse, das absolute Ende der Welt. So schön die Vorstellung auch sein mag, nach seinem Tode nichts zu verpassen.

 

Müde klatscht es aus der Regie. „Bravo. Toll. Aber was sind daraus die Konsequenzen? Sollen wir jetzt alle happy sein, dass wir jeden Tag was zu beißen haben, wie die Esel?“ 

Die Antwort lautet: Ji-ah! Und das ist auch noch jeden Tag ein bisschen besser. 

 

Art W. Krüger

Hoffentlich letzte Gedanken zu Donald Trump

Eine Ewigkeit scheint es schon her zu sein, dass Trump aus seinem goldenen Palast via Rolltreppe zum gewöhnlichen Volke herabglitt, um zu verkünden, er werde der größten Nation der Welt zu alter Stärke zurück verhelfen. Obwohl seit dem viel passiert ist, neben Trumps rassistischen und sexistischen Ein- und Ausfällen vor allem der Generalskandal, der darin bestand, dass Trump tatsächlich gegen den Willen der Spitze seiner Partei die Vorwahl gewinnen konnte, kann ich mich sehr gut an diesen Moment erinnern. Denn ich war sofort von diesem orangenen Mann, der auf die Frage, was er mit seiner Tochter gemeinsam habe, antwortet: „Sex“, euphorisiert.

Alles an dieser Situation war so offenbar obszön, dass es auf einen Schlag alle meine anarchistischen anti-politischen Bedürfnisse bediente. Meine missgünstigsten Vorurteile gegen den Konservatismus erschienen materialisiert in einem Reality-TV-Star. Endlich, so war meine Hoffnung, war die Lächerlichkeit des politischen Kampf- und Schlachtgebrülls so eindeutig vorgeführt, dass es jedem peinlich werden müsste. Selbst der Republikanischen Partei, die vier Jahre lang JEDE Kritik am Präsidenten, egal wie falsch oder hässlich, zugelassen und sogar um sich versammelt, also an der Würde einer der ältesten demokratischen Institutionen der Welt hat teilhaben lassen, musste dies nun zu abstoßend werden. Sie müsste sich doch vor ihrem Spiegelbild endlich selbst erschrecken. Außerdem könnte doch der trump'sche Unsinn dazu führen, dass die technokratische Rationalität aus ihrer Erstarrung gezwungen würde, quasi durch eine Schocktherapie politischer Unverschämtheiten, die alle Konventionen politischer Rede ignoriert und es also notwendig macht sie zu überdenken. Zumal Sanders Utopismus Alternativen zu formulieren schien.

 

Jedenfalls war ich hoffnungsfroh erheitert bei dem Anblick des Donald auf seiner Bühne vor bezahltem Jubelvolk. Mit dem Vice-Gründer Gavin McInnes, der heute vor allem als professionelles Arschloch auf sich aufmerksam macht, gesprochen: „[Trump] is like a human bomb.“ (Was ist eigentlich bei einem Konservativen los, der sich aktiv daran beteiligt eine Bombe in den Regierungssitz zu bringen?)

 

Ich finde meine anfängliche Hoffnung mittlerweile selbst naiv. Aber ich hatte auch nie damit gerechnet, das Donald Trump die Vorwahlen tatsächlich gewinnen würde. Meine Hoffnungen ließen sich zusammenfassen als eine Stärkung des utopischen Denkens gegenüber der post-politischen Bedeutungslosigkeit. Nach dem Vorwahlsieg Trumps ist das Gegenteil eingetreten. Einige geben Clinton dafür die Schuld, die immer wieder den Blick auf Trumps pathologisches Verhältnis zu Frauen lenkte. Je nachdem für wie relevant man den Charakter des Kandidaten für die Bewerbung auf das Amt einschätzt, kann man darüber streiten, wie relevant Clintons Kritik an Trumps brachialem Sexismus für die Wahl sein sollte. Nicht darüber streiten kann man aber über die dumpfe Inhaltsleere von Trumps Rede. In diesem Wahlkampf hatte Trump nie die Chance sich an „Issues“ zu orientieren,

da er überhaupt nicht in der Lage ist „Issues“ konsistent zu formulieren. Dieser Wahlkampf war nicht daher ein Spektakel, weil die „Clinton-Media-Machine“ Trump mit dem Schlamm seiner Vergangenheit bewarf, statt sich mit seiner politischen Position auseinanderzusetzen, sondern weil Trump zu politischen Debatten einfach nicht in der Lage ist.

 

Und mit dem Widerspruch Spektakel vs. Politik wären wir bei der Philosophie des Situationisten-Chefs Guy Debord angekommen. In seinem „Die Gesellschaft des Spektakels“ beschreibt Debord unsere Zeit als eine Zeit, in der sich die Bilder verselbständigt haben und die sozialen

und politischen Realitäten verdecken: „Das Spektakel ist das Kapital in einem solchen Grad der Akkumulation, dass es zum Bild wird.“ Politische Akte werden restlos von der Sphäre des Virtuellen, Imaginären, des "`Spektakels"' aufgefangen, sodass authentische Interventionen in die soziale Wirklichkeit nicht mehr möglich sind. Die Entfremdung ist dann perfekt, wenn sie nicht mehr sichtbar ist, so der Tenor von Debords Argumentation. „Das ganze Leben der Gesellschaften, in welchen die modernen Produktionsbedingungen herrschen, erscheint als eine ungeheure Sammlung von Spektakeln. Alles, was unmittelbar erlebt wurde, ist in eine Vorstellung entwichen.“, lautet die erste These seines Werkes in offener Anlehnung an Marx paradigmatisch.

 

Die Allgegenwärtigkeit elektronischer Medien führen zu einer Konkurrenz um Aufmerksamkeit in der Ökonomie der Bilder. Die Produktion wird zur Repräsentation. Auch die Politik kann sich dieser Dynamik nicht entziehen und muss an ihr teilhaben. Politik wird so zu Entertainment, muss zu Entertainment werden. Wenn das Spektakel der Weg und das Ziel jeden Erfolges ist, warum sollte man nicht den Kandidaten wählen, der bei WWE in den Ring gestiegen ist? Warum die alte Langeweile der wirklichen Politik dem Sound des „Build a Wall!“ vorziehen, wenn Wirklichkeit gegenüber den Repräsentationen farbiger Bilder nichts mehr zählt?

 

Das Trump-Lager ist sich dieser Zusammenhänge durchaus bewusst, so begründet der „Breitbart“ Kolumnist und Posterboy der „Alright“ (also Rechtskonservative, die wissen, was das Internet ist) Milo Yiannopoulos gegenüber Dave Rubin seine Unterstützung für Trump gerade mit der völligen Abwesenheit politischen Verstandes in Trumps Redeweise: „There's is a cultural war. And there's only one candidate for president fighting this war culturally - and it's Trump. He doesn't care too much weather he is occasionally inconsistent an policy, because he understands that nobody else does either.“ Hier erreicht Trumps Argumentation vollständige Immunisierung: von nun an ist es egal, dass Trump in 70 Prozent seiner Aussagen lügt.

 

Kann man schon von einer Ästhetisierung des Politischen sprechen, die Walter Benjamin dem Faschismus attestiert hatte? Was ist der Zusammenhang von absoluter (Sinn-)Freiheit postpolitischer Polyphrasie und totalitärer Gewalt?

 

Man könnte behaupten, dass Trump sich als Schüler des nationalsozialistischen Staatstheoretikers Carl Schmitt zeigt. Nach Schmitt basiert jede politische Energie auf der Konstruktion eines Feindes. Durch die Figur des Feindes kann die eigene Identität des Volkes sichergestellt werden, weil sie die Distinktion von Innen und Außen ermöglicht. Der konkrete Inhalt der Feindfigur ist dabei egal, grundsätzlich kann jeder zum Feind werden, die Freund/Feind-Unterscheidung ist also willkürlich. Entscheidend ist bloß, dass es einen Feind gibt, der die Identität des Volkes garantiert

und politische Akte motiviert: „Die Unterscheidung von Freund und Feind hat den Sinn, den äußersten Intensitätsgrad einer Verbindung oder Trennung, einer Assoziation oder Dissoziation zu bezeichnen.“

 

Wenn sich aber ein politischer Akteur nur durch einen Feind erst herstellt und sich seine notwendige Identität nur dem Konflikt mit diesem verdankt, dann wird es kein Argument mehr geben, dass in der Lage wäre den imaginären Charakter dieser Feindschaft zu entlarven. Ein solcher politischer Akteur ist überhaupt nicht mehr auf politisch-programmatische Ausrichtungen angewiesen, alles was er braucht ist diese Feindschaft. Man könnte also sagen, Carl Schmitts Politikkonzeption ist spektakulär - oder postfaktisch. Wenn nun Andrew Sullivan gegenüber Sam Harris beklagt, Donald Trump habe keine Vorstellung von „Win-Win-Situationen“, sagt er nichts anderes, als dass Trump von Carl Schmitt gelernt hat, ein Politiker zu sein.

 

Was ich anfangs der Vorwahlen für eine karnevaleske Repolitisierung des Wahlkampfes und des Staates hielt, hat sich als etwas entpuppt, was Slavoj Zizek „Ultra-Politik“ nennt: „die Bemühung den Konflikt zu entpolitisieren, indem man ihn in sein Extrem steigert, nämlich durch direkte Militarisierung der Politik, das heißt die Politik zu einem Krieg zwischen „Uns“ und „den Anderen“, unseren Feinden, umzuformulieren, wobei es dann keinen gemeinsamen Hintergrund für den symbolischen Konflikt mehr gibt“. Hier ist nicht mehr der Konflikt politisch, sondern das Politische ist der Konflikt. Und der Konflikt wird vorausgesetzt, als selbstbezügliches, sich selbst befruchtendes Spektakel. Gegenüber einem solchen Hauen und Stechen wünsche ich mir die versteinerten politischen Konventionen und Institutionen zurück.

 

Simon Gumprecht

Deutschland