Prothese Magazin #4

Thema: Unterhaltung

Erschienen: Herbst 2022

Seiten: 124

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Inhalt

Julian Litschko / Quarantäne

Hannah Essler / Unterhaltet uns! Eine doppelt ernste Forderung.

Fabian Endemann / Nur die Ruhe: Gedanken über den Zug als Öffentlichkeit

Paul Weinheimer / Alles hat seinen Preis: Kommodifizierung von Liebe als Unterhaltsungsform

Natascha Maier / Salzige Spuren

Clara Palmberger-Süsse / Trostbrot

Jan Grollmuss / Die rosa Leiter

Stephan Kamp / Von der Willkür des unwillkürlichen Wahrnehmens

Marie L. Jessen / Civilizing Banksy – Bomb Hugger, wie ist es Dir ergangen?

Marie Egger / Die "Memefizierung" von Kunstwerken – Zum Begriff des Art Memes

Dorothea Douglas / Wir (alle) sind die Bevölkerung – Überlegung zur Repräsentation des Volks im Werk Hans Haackes

Jenny Schäfer / Disney

Vé-Tocha Schorre / Junkanoo; Karneval

Christoph Steinweg / Noise from the archives

Dagmar Rauwald / With mask without mask

Shirin Weigelt / Das Korsett, oder: Wer trägt hier wen?

Horst Bredekamp / Zur Gefährdung eines kritischen Repräsentationsbegriffes

Catalina Rueda / All voll!

Fabian Hammerl / Fotoreihe aus der Serie "Things As They"

Editorial

Dem Phänomen der Unterhaltungskultur scheint eine Gefahr anzuhaften. Seit jeher wusste man vor der Unterhaltung als Zeitvertreib zu warnen. Die angenehmen Bilder, Klänge und Vorstellungen der Populär- und Unterhaltungskultur seien trügerisch, vielleicht sogar mörderisch. In jedem Fall würde sie sich der Wirksamkeit der Ethik in den Weg stellen und der Bildung guter Bürger zum Hindernis werden.

 

Die epochalen Katastrophen des 20. Jahrhunderts waren begleitet von einer Vermehrung der Unterhaltungsmedien, von der unterhaltsamen Kolonisierung der Lebenswelten durch elektronische Stimmen und Bilder. Im Kino sitzt man im Dunkeln, während man sich der Projektion einer falschen Welt hingibt. In der technischen und elektronischen Welt dieser Zeit kehrt Platons Höhle der passiven Unwissenheit als Gipfel des gesellschaftlichen Kulturlebens zurück. So zumindest raunten die Kulturpessimisten und bangten beim Anblick des spektakulären Weltbildes der Kulturindustrie um die kritische Autonomie der nun medial umstellten Individuen.

 

Das 20. Jahrhundert ist zu Ende gegangen und die Individuen gibt es immer noch. Das Kino hingegen hat an Strahlkraft verloren. In den letzten Jahrzehnten wurde die verortete, spektakuläre Welt des Kinos zunehmend abgelöst durch ein ubiquitäres Spiel der Aufmerksamkeit, in der es viele Projektoren und viele Schirme gibt, viele Sender und Empfänger. In dem daraus resultierenden unübersichtlichen Gestöber von Informationen fehlen Mechanismen der Selektion und Anerkennung weitestgehend, die den Informationen ihre Relevanz zuordnen.

 

Es war darum viel zu hören und zu lesen von der „Aufmerksamkeitsökonomie“, verursacht durch die Innovation eines Horizontes allgemeiner Vernetzung. Durch die Verkürzung der für die Verknüpfung von Informationen notwendigen Kommunikationswege entstehe eine Situation allgemeiner Konkurrenz. Die Konkurrenz gibt der „Aufmerksamkeitsökonomie“ erst ihr Suffix, erst die Konkurrenz macht aus der Struktur eine Ökonomie. Konkurrieren lässt sich aber am besten unter Gleichen und um Gemeinsames. Vernetzung, so könnte also gefolgert werden, macht die Aufmerksamkeit zu einer neuen Letztinstanz. Die Universalisierung imaginärer Beziehungen der schönen neuen Weltgesellschaft verleiht der Aufmerksamkeit metaphysische Würden.

 

Was unterhält, wie unterhalten wird, wer sich unterhält und so fort sind Kernfragen sozialer Existenz geworden; wenn sie es nicht schon immer waren. Statt eine Bedrohung des Sozialen zu bleiben, ist die Unterhaltung zur allgemeinen Substanz des sozialen Lebens geworden. Die vierte Ausgabe des Prothese Magazins versammelt Arbeiten, die sich dem Thema Unterhaltung widmen.

 

Wir danken Horst Bredekamp für seinen von uns erbetenen Beitrag zum Repräsentationsbegriffs und Julia Christ von der Pariser Zeitschrift K. Les Juifs, l’Europe, le XXIe siècle für die freundliche Genehmigung, den zwischen ihr und Bredekamp geführten Dialog abzudrucken. Beide Beiträge sind vor mehr als einem Jahr entstanden, erscheinen vor dem Hintergrund der Auseinandersetzungen um die documenta aber von gesteigerter Aktualität.