Dialektik des Reisens

 

Auf die Frage, weshalb er niemals gereist sei, hatte mein Großvater einmal geantwortet: „Wozu? Das kann ich mir doch im Fernsehen angucken.“

 

Es ist wieder Feriensaison und abertausende Deutsche drängen in die entferntesten Länder: uniformierte Trackingarmeen überwinden Breitengrad um Breitengrad in überfüllten Flugzeugen der billigsten Airlines. Sie folgen in Mengen den Ratschlägen ihres Lonely Planets zu den westlichsten Unterkünften, gehen in die Restaurants mit der besten Tripadvisor-Bewertung und schleppen sich in die entlegensten Orten auf der Suche nach fremden und exotischen Erlebnissen, auf der Suche nach alten Kulturen, nach Ruhe und friedlicher Natur. Und was sie dort finden ist wie jedes Jahr das genaue Gegenteil: Sonnenverbrannte Menschenmassen bewaffnet mit Lonely Planets und Smartphones, die sich in den immer gleichen Hotels, Restaurants und Örtlichkeiten tummeln. Der ganz „eigene“ Trip entpuppt sich als reproduzierbare Abfertigung.

Der gesuchte Frieden ist längst in ein anderes Land, eine andere Gegend weitergezogen. Hinzu kommt, je besser ein Reiseland erschlossen ist, desto besser lässt es sich darin reisen und fortbewegen, doch desto weniger gibt es dort meist auch Fremdes und Exotisches zu sehen. Und als wäre diese alljährliche Farce nicht schon genug: um sie zu bereisen muss man sie zerstören, die Welt: Die Flugzeuge saugen Kerosin in ihre Triebwerke während wir an dem Tomatensaft nippen.

 

Ja, man hasst sie, die Touristen. Und ist doch selbst einer. Man sucht das Unberührte und kann es nur finden, indem man es berührt. Und ganz unbemerkt wird der auf der Couch sitzende, in Ruhe und Frieden schauende Mensch zu einer aussterbenden, exotischen Art. Für diese Erkenntnis musste ich ans andere Ende der Welt reisen.