Ode an das Preppen

von Art W. Groll

 

Die HBO-Serie The Last of Us (2023), über die aktuell überall diskutiert wird, kippt wieder einmal Öl ins Feuer der US-amerikanischen Prepper-Kultur. Passend zur Endzeitstimmung der Corona-Pandemie geht es darin um einen hochansteckenden Pilz, der die Menschen weltweit infiziert und den gesamten Globus von heute auf morgen in eine dystopische Horrorwelt verwandelt. Wie in dem Survival-Computerspiel, auf dem die Serie basiert, sind die einzigen Überlebenden ein paar Glückspilze und natürlich die, die es immer gewusst haben: Die Prepper. 

Frank und Bill in ‚The Last of Us'.
Frank und Bill in ‚The Last of Us'.

mehr lesen

Oh Lord have mercy with me

Über Lucas Guadagninos neuen Film Bones and All und den Doppelcharakter der Entfremdung

von Marie-Louise Bartsch

 

Es gibt Filme, die uns mit Coming-of-Age-Stories liebevoll an unser eigenes Erwachsen-Werden erinnern und es gibt solche, die uns in gut verdrängte Jugend zurückwerfen. So reaktivierte die Horror-Romanze Bones and All ungewollt mein 15-jähriges, in provinzieller Einöde sozialisiertes Ich: Kannibalismus im Film erinnert mich an eine Zeit, in der Horrorfilme notwendigerweise das Wochenend-Highlight waren. Denn gerade noch zu jung, um mit Muttizettel das Ticket für die Kleinstadt-Disco einzufahren, war man doch alt genug, um in der 16+ Abteilung der dorfeigenen Videothek ein sattes Paket an Horror, Splash und Co. einzuholen. 

Die Umarmung von Egon Schiele
Egon Schiele: Die Umarmung, Österreichische Galerie Belvedere (vgl. unten). Zuschnitt: Prothese Magazin.

mehr lesen

What Is One-Love-Binde? Baby Don’t Hurt Me.

von Robert Weitkamp

 

Als ich in der Pubertät war, so mit 13 oder 14, waren meine Freund*innen und ich Punks. Als Punk muss man provozieren, sonst ist man kein Punk. Deshalb wollte eine*r von uns Punks dringend mit einem T-Shirt in die Schule gehen, das genau diese Provokation versprach: Es war knallrot, auf der Brust ein weißer Kreis, darin ein schwarzer Galgen. Darunter stand: “Dem deutschen Volke”, darüber der Name der Band: “Terrorgruppe”. Geil!

Bild: Prothese Magazin
Bild: Prothese Magazin

mehr lesen

Betrachtungen zur Geburt von Jesus Christus

von Art W. Groll

 

Es ist wieder Weihnachten. Das merke ich daran, dass ich erschöpfend viel Zeit noch schnell bei Amazon verbringe und sich lange angespannte Schlangen vor den Kassen scharen. Konzentrierte Augen gleiten über die himmlischen %e und ekstatische Mengen schieben sich durch die Regale voller fröhlicher Reklame. Es ist kein ausgelassener Rausch, es ist kalt und die Stimmung ist ernst. Es geht um etwas. Wir feiern die Geburt des kleinen Christuskindes in seiner lieben Holzkrippe, die Geburt des Heilands, geboren von der Jungfrau Maria und seinem Adoptivvater Josef. 

Hans Schäufelein, Die Geburt Christi, ca. 1508. © Hamburger Kunsthalle / bpk Foto: Elke Walford
Hans Schäufelein, Die Geburt Christi, ca. 1508. © Hamburger Kunsthalle / bpk Foto: Elke Walford

mehr lesen

Wie weiter mit der Identität?

Für eine demokratische Ethik der Identitätspolitik

von Jonas Lang

 

Unter dem Titel ‚Wokes Deutschland – Identitätspolitik als Bedrohung unserer Freiheit‘ veranstaltete die liberal-konservative Denkfabrik „Republik 21“ am 7. November eine Konferenz, um über die Gefahren für eine bürgerlich-liberale Gesellschaft zu sprechen, welche in ihren Augen vom Phänomen der linken woken Identitätspolitik ausgehen. An dieser Stelle sei nur stichwortartig an die jüngste Vorgeschichte dieses mittlerweile zum medialen Leitthema avancierten Diskurses erinnert. Bei einer Demo von ‚Fridays for Future‘ wird eine Künstlerin mit Dreadlocks wegen des Vorwurfs der kulturellen Aneignung ausgeladen. Die Kabarettistin Lisa Eckart darf in Hamburg nicht spielen, weil sie vorher durch antisemitische Witze aufgefallen war.

Back To The Future! Safe European Home 1938, von Damian Le Bas, 2013.
Back To The Future! Safe European Home 1938, von Damian Le Bas, 2013.

mehr lesen

„415 ist mein Name im Knast“ – Der Fall und Aufstieg des Bonner Rappers Xatar

Im neuen Film „Rheingold“ erzählt Fatih Akin die Geschichte des Rappers Xatar. Eine Rezension.

von Paul Weinheimer

 

Bonn 2012. Mit leuchtenden Augen standen wir auf dem Schulhof beisammen. Der Asphalt reflektierte die Hitze. Vor uns der Mitschüler, der zehn verpackte CDs zur Hälfte des Ladenpreises im Angebot hatte. 2012 sollte nicht nur unser letztes Schuljahr werden, es war auch das Erscheinungsjahr des neuen Xatar-Albums 415. Xatar, ein Bonner Straßenrapper, der wegen eines verurteilten Goldraubs im Gefängnis saß, hatte das besagte Album während seiner Haftzeit aufgenommen. Als Titel wählte er passenderweise seine Gefangenennummer 415. Die CD zum halben Preis, das war ein guter Deal. Peinliche Nachfragen verkniffen wir uns, denn irgendwie wollte man ja auch „Straße sein“. Ein finster dreinblickender Xatar starrte uns jetzt von dem frisch erworbenen Album an. Tätererkennungsbilder, Fingerabdrücke und das verhängte Strafmaß zierten das Cover. Das Album sah aus wie eine Strafakte.

Schlagzeile von 2010 im Kölner Express.
Schlagzeile von 2010 im Kölner Express.

mehr lesen

Freie Köpfe – Beobachtungen aus dem Iran

von Zarbanou Zamani*

 

Abflughalle Frankfurt/Main. Die Schlange vor dem Schalter der staatlichen Fluglinie IranAir ist lang. Gespannt schaue ich mich um. Männer und Frauen mit scheinbar operierten Nasen, gefärbten Haaren und Trolleys voller Koffer. Ein paar Stunden später, nach der Landung unseres Fliegers in Teheran, werden die Haare der Frauen nicht mehr zu sehen sein. Spätestens mit dem Anflug der Hauptstadt der Islamischen Republik Iran werden die Frauen in ihren Taschen kramen, um das Kopftuch und den Manto (eine Art Mantel, der die Hüften bedecken soll) hervorzuholen. Weibliche Haare und Hüften sind etwas, was in der iranischen Öffentlichkeit nach Vorstellung des Regimes nicht sichtbar sein darf.

 "Women only", von Zarbanou Zamani*, 2018.
"Women only", von Zarbanou Zamani*, 2018.

mehr lesen

Klimaprotest gegen den Impressionismus?

Über Empörungen, Gewaltlosigkeit und die Ästhetik des Radikalen

von Fabian Endemann

 

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts etablierte sich der französische Impressionismus als Avantgarde der Moderne. Keineswegs unumstritten hatten sich die „Impressionisten“ mit einer neuen Motivwahl und Arbeitstechnik hervorgetan. Es war Claude Monet, der seine Freunde anhielt es ihm gleich zu tun, das Studio zu verlassen und in der freien Natur oder inmitten des wirklichen Lebens zu malen.‍[1] Die kritische Öffentlichkeit war darüber empört. Sie lehnte die scheinbar unvollendete und amateurhafte Ästhetik ab und musste doch nach nicht allzu langer Zeit einsehen, dass sie irrte und sich das ästhetische Bewusstsein geändert hatte. Seitdem – so die gängige Erzählung – symbolisiere der Impressionismus den Kampf gegen die Verkennung des Neuen.[2]

"Die letzte Generation" bei ihrer Protestaktion.
"Die letzte Generation" bei ihrer Protestaktion.

mehr lesen

Odysseus hätte eine Maske getragen

Ein Kommentar zum Podcast „Die sogenannte Gegenwart“

von Paul Weinheimer

 

Was für die einen eine sakrale Errungenschaft darstellt, ist für die anderen das neue Symbol gesellschaftlicher Unfreiheit: Die Corona-Maske führt seit dem Beginn der Pandemie zu einer Polarisierung. Maske, ja oder nein? – das scheint für beide Lager immer schon beantwortet. Ihr Selbstverständnis lässt ihnen keine Wahl mehr. Und so stehen sie sich in einem Kampf gegenüber: Auf der einen Seite die Hohepriester im feinsten Maskenstoff, auf der anderen der widerständige Freiheitskampf, der sich der Maskenschau verweigert. Hier Maskenstolz, da Maskenwut. Während der Maskenstolz durch die moralische Vormachtstellung das „Richtige“ zu tun entsteht, ist die Maskenwut Zeugnis einer Rebellion gegen das staatliche Diktat. 

Klar ist in jedem Fall, dass die Corona-Maske nicht bloß Schutzkleidung ist, sondern auch ein Objekt mit Symbolkraft.

Bearbeitung Bild: Elisabeth Boßerhoff
Bearbeitung Bild: Elisabeth Boßerhoff

mehr lesen

Zur Berechenbarkeit der Zukunft

von Tim Burschyk

 

Der gläserne Mensch. Es ist soweit, der Algorithmus weiß mehr als du. Unser Alltag wird durchsichtig und vorhersagbar. Jedes Smartphone ist ein unermesslicher Datenschatz. Auf der Grundlage unseres täglichen Verhaltens kann statistisch unser zukünftiges Verhalten vorhergesagt werden. Beispiele finden sich überall. Nur, wenn es um Gefühle geht, können die Daten uns Menschen nicht beschreiben. Gefühle sind unberechenbar. Denkst du – bis Parship dir die Liebe deines Lebens vermittelt.

Abb. 1: Langzeitbelichtung eines Doppelpendels
Abb. 1: Langzeitbelichtung eines Doppelpendels

mehr lesen

2 1